Am 27. ist es soweit, ich werde sie nach zwei Jahren wiedersehen. Ich will es nicht. Ich habe Angst davor. So sehr ich auch versuche, mich an all das Gelernte aus Therapie und Beratungsgespraechen zu erinnern, es steigt die Panik in mir hoch. Die Situation ist so verworren. Wir werden zum ersten Mal seit 3 1/2 Jahren wieder in Deutschland sein. Eine knappe Autostunde entfernt von dem Wohnort meiner Oma. Jene Oma, die schwerkrank ist und von der ich nicht weiss, wie lange sie noch leben wird. Die Oma, die ich so gern noch einmal sehen und sprechen moechte, bevor sie stirbt. Aber diese Oma gibt es halt nur im Doppelpack zusammen mit meinen Eltern. Und so werde ich mich am 27. mit Oma und den Eltern zum Lunch (Verzeihung, Mittagessen) im Restaurant treffen. Ein Treffen, vor dem ich Angst habe. Ein Treffen, das mich bis in meine Traeume verfolgt. Ein Treffen, von dem ich zwei der drei Leute, die ich da eingeladen habe, gar nicht sehen moechte. Denn zwischen meinen Eltern und mir hat sich nichts geandert. Ihr Standpunkt ist: Es ist nichts passiert. Und wenn etwas passiert ist, so habe ich als Tochter und Christ die Pflicht, das zu verzeihen. Jesus sei fuer ihre Suenden gestorben und mache sie frei, zu tun und zu lassen,was immer sie moegen. Und eben diese Tatsache gaebe ihnen das Recht mit mir zu machen, was immer sie wollten. Und das haben sie dann ja auch. Aber, wie gesagt, es ist ja gar nichts passiert. Oder doch, aber das muesse ich vergeben.
Diesen Standpunkt teile ich nicht. Ich muss nicht vergeben, um was ich nicht um Vergebung gebeten wurde. (Keine Vergebung ohne Beichte!) Ja, Jesus hat uns von der Suende befreit, aber doch nicht, um anderen willentlich Schmerzen zu bereiten, sondern doch wohl eher, um uns frei zu machen von Angst und Schuld, damit wir einander besser dienen koennen.
Oma wiederum glaubt nun, ich habe dieses Treffen angezettelt, um die Familie um Vergebung zu bitten, fuer meine Ueberschreitungen in den letzten zwei Jahren. Schliesslich habe ich die Vergangenheit wieder "ausgegraben" und ich habe den "Pakt" gebrochen und das Schweigen durchbrochen. Es gibt mittlerweile Menschen, die wissen, was wirklich geschehen ist. Sehr genau und sehr detailiert. Weil ich mich nicht an den "Pakt" gebunden fuehle. Ich bin meinen Eltern keinen Gehorsam schuldig. Jahrelang haben sie mich mit dem vierten Gebot versucht zu erpressen. Jahrelang habe ich das aus Angst mitgemacht. Das Spannende an diesem Gebot jedoch: es ist recht falsch uebersetzt ins Deutsche! Es ist eben nicht, Du sollst Vater und Mutter ehren. Die Idee, die da im Urtext hintersteht ist eine andere: da wird das Wort fuer wiegen, aufwiegen oder Waage verwandt. Also mehr in dem Sinne, gebe zurueck, was Du bekommen hast. Nun werde ich bestimmt nicht zurueckgeben, was ich bekam, aber ich bin ihnen auch nichts schuldig.
All das weiss ich. Ich habe trotzdem Angst. Angst weniger vor ihrer Gewalt, als vor ihrer "Schwamm-drueber" Mentalitaet. Angst, all das vor den Augen meiner Oma und unseres Sohnes austragen zu muessen.
Ich fuehle mich gefangen und muede. Und ich habe ein schlechtes Gewissen meiner Familie gegenueber. Denn durch das geplante Treffen wird die Zeit nicht so entspannt wie erhofft.
2 1/2 Wochen noch. Dann ist alles vorbei. So oder so. Ich habe trotzdem Angst. Und sie wird schlimmer je naeher die Reise kommt.
Kann ich hierbleiben und so tun, als haette ich meine Greencard nicht? Aber das geht auch nicht, denn ich moechte ja so gern den Rest meiner (angeheirateten, aber jetzt meiner wirklichen Familie) sehen.
Wie heisst es so schoen? "Zwei Herzen schlagen, ach, in mener Brust." Ja, danke!
Der kleine Mann muss mal - und geht nicht. Er ging den ganzen Tag nicht. Hippelte lieber durchs Haus. Wimmerte, schrie, bruellte und pipite in die Hose. Aber den kleinen Kloss einfach hinten raus lassen wollte er nicht. Es war ein unglaublicher Tag. Zwischen Orthopaede, Einkaufen, Uniarbeit, panischem Hausaufraeumen (wir bekamen heute Abend Besuch), Dinnerkochen und alle fuenf Minuten aufs Klo rennen und den kleinen Mann drauf setzten, warten,, wieder runternehmen ist irgendwie der Spass am Tag verloren gegangen.
Aber das Dinner war schoen.
Karotten-Ingwer-Sueppchen, Pitabrot, Felafel, Hummus, Tahini-Sosse, Salat, Schafskaesecreme, Paprikamarmelade und zum Schluss frische Mandarinen und griechischen Joghurt mit Honig. Wie gesagt, es war schoen. Da hat auch die vollgepipite Hose kaum gestoert. Eigentlich...
Er haengt schief, der Haussegen in der Ringelresidenz. Ueber Terminmissverstaendnisse, Ueberarbeitung, Winterreifensuche und Weihnachtsgeschenkdilemma, ueber Autoinspektion und nicht gehaltene Versprechen ist grad die Freude etwas abhanden gekommen. Ich weiss, es wird schon wieder. Aber bis man da ist, ist es einfach nur anstrengend - fuer alle!
"Mama, Arm!" ruft der kleine Mann wenn ich ihn auf den Fussboden verfrachte, weil ich gern allein auf der Toilette sitzen wuerde. "Mama, Arm", ruft er, wenn ich versuche alleine in der Kueche das Mittag zu kochen. "Mama, Arm", klingt es in meinen Ohren, wenn ich es wage zu arbeiten (Dank Laternenumzug gestern und Arzttermin haenge ich naemlich mit meiner Uniarbeit hinterher.)
Mama, Arm...
Erkaeltungen sind anstrengend.
Und wer nimmt mich in den Arm? Der lange Mann hat schon verkuendet, dass er heute bis Mitternacht arbeiten muss. Und morgen darf der Herr Professor dann erneut den ganzen Tag arbeiten. Dass ja eigentlich Samstag ist, und der Papa am Samstag ja uns gehoert (gab's da nicht mal so einen Werbeslogan fuer den arbeitsfreien Samstag?), scheint hier keinen zu interessieren.
Zum Glueck haben wir ja den ganzen Sonntag fuer uns. Ausser vielleicht Abends, wenn wir naemlich Gaeste zum Dinner haben, fuer die ich nachmittags das Essen vorbereiten darf.
... muss ich sagen: der duenne lange Mann ist doch mit dem ersten Bus gekommen.
Das Essen hat gut geklappt, der kleine Mann schlaeft endlich in seinem Bett und der Herr Physiker schnarcht auf dem Sofa. Und die Ringelstruempfe? Die Struempfe sind eigentlich auch muede, sind aber auch leider ein bisschen unruhig, weil... ja, weil ich Angst habe. Die Sache mit dem Herzen hat mich kalt erwischt. Sofort spielt sich in meinen Gedanken wieder all das ab, was ich so brav fuer Krankenpflegeschule und Medizinstudium gelernt habe. Und irgendwie will da so keine rechte Freude aufkommen. Ich hoffe noch immer, dass die Probleme vom schlecht eingestellten Asthma kommen. Und von der Wut, die in letzter Zeit in mir brodelt. Irgendetwas haben wir da in der Therapie angestochen. Und nun kommt sie hoch, all die angestaute Wut aus dem graesslichen Jahren. Und ich weiss nichts mit dieser Wut anzufangen. Wut war immer verboten. War gefaehrlich. Wut zu haben oder gar zu zeigen, haette todlich enden koennen. (Und hat es ja auch beinahe einmal...) Aber jetzt ist diese Wut da. Wie ein Monster in mir. Und ich stehe daneben und weiss nicht weiter. Manchmal ist sie einfach da und brodelt so vor sich hin (und ich kann sie dann irgendwie verdraengen). Manchmal kommt sie hoch und ich richte die Wut auf mich selbst. Darauf, dass ich so lange nichts gesagt habe, dass ich mich nicht genug gewehrt habe... Und manchmal da brechen die Emotionen einfach aus mir heraus. Und dann bekommen der kleine und der lange Mann ab, was eigentlich doch vor eine ganz andere Tuer gehoerte. Manchmal denke ich, ich sollte einfach mal ihre Bilder ausdrucken (komischerweise haengen keine von ihnen an unserer Wohnzimmerwand), mir einen ruhigen Platz suchen und ihnen alles ins Gesicht schreien, was ich schon immer mal sagen wollte. (Und das waere eine Menge!)
Ich habe Angst. Angst vor den Konsequenzen der Herzschwaeche. Angst vor meiner eigenen Wut. Immernoch Angst vor meinen Eltern. Ich moechte frei sein. Es ist so verdammt ungerecht! Erst durchleben die Opfer die Hoelle und dann, um zu heilen, durchleben wir sie noch einmal. Und die Taeter? Ja, ich weiss, wir Ueberlebenden sind die Gesuendesten in diesen Geschichten. Aber auf diese Erkenntnis pfeife ich. Es ist mir auch egal, dass ihr Leben bestimmt auch irgendwie nicht rosig ist. (Nein, egal ist es mir nicht. Sie tun mir sogar Leid.) Aber trotzdem! Warum koennen sie einfach so weiterleben wie bisher und in meinem Leben geht alles drunter und drueber? Warum werde ich immer Narben haben (an Koerper und Seele)? Warum werde ich nie so viel Kraft haben, wie andere in meinem Alter? Warum bin ich 32 und habe keine abgeschlossene Hochschulausbildung (nur viele studierte Semester) aber dafuer Angst vor der Dunkelheit?
Jetzt stze ich hier, umringt von meinen ganz persoenlichen "Daemonen" und mag nicht ins Bett gehen. Ich bin zwar zum Umfallen muede, aber bevor ich meine Daemonen nicht Schlafen geschickt habe, oder wenn machbar sogar angeguckt habe und vertrieben habe, werde ich nicht schlafen koennen.
"Du nimmst Dir das Ganze zu sehr zu Herzen," sagte meine Mutter einmal. Ich solle mich halt nicht so anstellen.
Vielleicht ist ja 'was Wahres dran. An dem "sich etwas zu Herzen zu nehmen". Mir scheint, mein Herz hatte dann wohl mehr als genug. Hoffen wir mal, dass Balast-Abladen helfen wird.
Es haette heute eigentlich nur ein Kontrollbesuch werden sollen. Lunge anhoeren, Puls, wieder nach Hause.
Haette... Aber... Lunge abhoeren, hektisch Intrumente holen, pusten lassen, betroffen gucken und der Patientin verkuenden, dass die Asthmamedikation geaendert werden muesse. Die Werte seien nicht gut. Herz abhoeren, noch mal abhoeren, an Haenden und Knoecheln rumdruecken, noch mal abhoeren, sehr ernst gucken und der Patientin erklaeren, dass Ihr Herz nicht richtig schlaegt und sie DRINGEND! Herzmedikamente braucht. Ausserdem ein grosses Blutbild, einen Nierentest und einen weiteren Lungenfunktionstest. Zwei Rezepte der verbluefften Patientin in die Hand gedrueckt und nach draussen gerauscht. Und waehrend die Patientin noch immer versuchte, all das zu verdauen, bekam sie noch eine Spritze in den linken Oberarm. Grippeschutzimpfung. "In Ihrem Zustand duerfen Sie nicht krank werden."
Nach einem eigentlich sehr netten Abend, dann doch noch Gewitterwolken am Himmel. Und natuerlich das immergleiche Thema: Uni, Arbeit, Familie. Das Problem: dem kleinen Mann geht es am Besten, wenn er um 18.00h im Bett liegt und dann auch wenige Minuten spaeter einschlaeft. Das klappt nicht, wenn der lange Mann um 17.30h nach Hause kommt, dann erst mit allen essen moechte und noch Zeit mit unserem Sohn verbringen will. Dann ist der kleine Mann erst gegen 19.00h im Bett und die letzte Stunde war fuer alle eine riesige Anstrengung. Eine Stunde Schlaf verliert der kleine Mann auch, weil er ja trotzdem um 6h morgens aufsteht. Mein Vorschlag, der lange Mann kommt mit dem zweiten Bus und der kleine Mann geht weiterhin um 6 zu Bett. Das aber will der Lange nicht. Denn dann haette er ja gar keine Zeit mehr mit seinem Sohn und wuerde ihn nur noch am Wochenende sehen. Kann ich ja verstehen, aber wenn der Herr Physiker zu Hause ist, verbringen die zwei auch keine Zeit zusammen. Denn dann ist der Herr des Hauses muede und moechte Ruhe. Und die nimmt er sich beim Lesen der Zeitung. Und waehrend der kleine Mann mit immer mehr Unfug versucht des Papas Aufmerksamkeit zu erhalten, platzt dem langen Manjn irgendwann der Kragen und er brummt dem kleinen Mann an, der das nun wieder gar nicht verstehen kann und anfaengt zu weinen. Das gemeinsame Abendessen verlaeuft dann immer gleich:
Der eine erzaehlt von Studenten, Vorlesungen und Arbeit, der andere schlaeft beim Essen fast ein und isst vor Muedigkeit mal wieder nichts und die andere rennt hin und her, weil die Herren bald dies bald jenes aus der Kueche brauchen, aber selbst zu muede sind, um aufzustehen. Verzeihung, aber auf diese Art von Abendbrot kann ich verzichten.
Doch mein Vorschlag wurde einfach nur abgelehnt. Familie sei fuer alle da. Und bitte, wenn er zu Hause ist, hat auch die Familie da zu sein. Vollstaendig. Und was ist mit der Familie all die anderen zehn Stunden am Tag?!? Wo er naemlich nicht da ist. Warum muessen wir unser Leben um seines herum leben? Warum kann er uns nicht entgegenkommen? All die Dinge, die da schon versprochen wurde (freie Nachmittage, weil er ja mittwochs fast bis Mitternacht arbeitet. Einen anderen freien Nachmittag und dafuer mehr Arbeit am Abend, damit der kleine Mann seinen Papa auch mal an wachen Augenblicken geniessen kann.) Aber all das wurde dem Arbeitsgott geopfert. Und jetzt auch noch der Familienfriede? Denn wer Dreijaehrige kennt, weiss, dass die nicht uebermaessig gluecklich sind, wenn sie zu spaet ins Bett kommen. Und dass sie das den ganzen naechsten Tag aufholen und haeufig schlechte Laune haben. Aber das merkt er dann ja nicht, denn dann ist er ja am Lab. Nein, ich beschwere mich nicht ueber die viele Arbeit, die er hat. Dass ist seine Entscheidung. Wer Professor sein will, muss viel arbeiten. Aber dass er sich in den Mittelpunkt der Familie stellt, ohne die Familie in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen, das finde ich unfair.
Uber all das haben wir gesprochen. Und das Fazit: Der kleine Mann darf nicht eher ins Bett.
Gestern beim Elternabend im Kindergarten. Die meistgefuerchteteste Frage:
"Erzaehlt doch mal, was ist Eure schoenste Erinnerung an ein Fest oder eine Feier im Kreise Eurer Familie?"
Meine Erinnerungen an Familienfeierlichkeiten. Also, die moechte jetzt bestimmt keiner hoeren. Aber was sagt man dann? Erzaehlt man eine Geschichte ala Weihnachten in Bullerbue? Oder erzaehlt man die Wahrheit und schaemt sich dabei in Grund und Boden? Ich habe gar nichts gesagt. Mein Hals war wie zugeschnuert. Nur leider war ich die erste im Kreis. Und so starrten mich dann elf andere Eltern erwartungsvoll an. Mein Englisch ist leider zu gut (wenn auch nicht so gut, wie ich es gern haette), um so zu tun, als ob ich nichts verstanden haette. Irgendwann hat dann meine Sitznachbarin etwas gesagt. (Wofuer ich ihr sehr dankbar bin, wenn ich auch nicht mehr weiss, was sie eigentlich gesagt hat.) Aber die Dynamik war gebrochen und kaum einer meldete sich noch zu Wort. Und so verbrachte ich den restlichen Abend mit einem schlechten Gewissen der Leiterin gegenueber und einer Menge an unoetigen Erinnerungen an vermasselte Weihnachtsfeiern und an nicht gefeierte Geburtstage in meinem Kopf. Und da sag mir mal noch einer, Kindergarten sei kein Stress..
Ein Flugzeug in einem der Highrise Buildings in New York. Ich kann es nicht glauben. Ich will es nicht glauben. Vor mir die Bilder von heute. In meinem Kopf die Bilder von vor fuenf Jahren. Hoert das denn nie auf?!
Ich hatte es bei ihr gelesen; die Frage darueber, was und ob ueberhaupt sich die Natur denkt. Und ich verstehe die Kommentare. Es hilft zu wissen, dass sich irgendwer oder irgendwas etwas gedacht hat, als es passierte. Daran glauben kann ich nicht. Die Natur denkt und handelt fuer mich gar nicht. Sie existiert und funktioniert nach ihren Gesetzen. So wie eine Uhr. Und dann gibt es da noch den Uhrmacher. Ich nenne ihn mal Gott. (Welch Ueberraschung bei mir, eh?!) Gott hat die Uhr gemacht - und die Zeit gleich dazu. Aber eingreifen, nein eingreifen tut er nicht.
Gott hat sich etwas dabei gedacht, als fuenf unserer sechs Kinder starben. Was denn, bitte?!? Dass sie vielleicht so krank gewesen waeren, dass ein Leben fuer sie (oder mich) nicht lebenswert gewesen waere. Graessliche Vorstellung, das Leben nur dann lebenswert ist, wenn es einer menschengemachten Norm entspricht.
Gott hat sich etwas gedacht. Und was dachte er bei den Tsunamis vor knapp zwei Jahren? Oder war das eine Strafe Gottes, wie manche hier in den USA meinten. Als Strafe an Menschen, die eben keine Christen sind. Vielleicht hab ich da ja etwas falsch in Erinnerung, aber wenn ich es recht erinnere, hat Jesus nie nach Kirchenzugehoerigkeit gefragt. Und das kirchliche Establishment (die Pharisaeer) hat er staendig angegriffen. Passt das mit einem strafenden Gott zusammen? Und warum war dann Kathrina ein paar Monate spaeter keine Strafe Gottes, sondern eine willkuerliche Naturkatastrophe? Weil die Amerikaner so viel besser sind?
Sehr gern wuesste ich dann ja auch, was Gott sich dabei gedacht hat, als er die Mittwochabende in meinem Leben zulies. Wollte er das so?War das sein Wunsch fuer mein Leben? Das kann ich mir nicht vorstellen.
Gott ist fuer mich weder der wutschnaubende Zeuss (oder Thor ... oder Teutates... oder), der nach belieben straft und belohnt; noch ist er fuer mich derjenige der eingreift, verhindert, verbessert.
Gott ist Liebe. (1. Johannes 4,16) Und er liebt uns so sehr, dass er uns einen eigenen und freien Willen laesst. Dieser freie Wille hat uns und andere schon oft Probleme bereitet. Hat uns und andere verletzt, Schmerzen bereitet, ja vielleicht sogar getoetet. Warum Gott nicht eingreift? Weil er uns so sehr liebt, dass wir keine Marionetten fuer ihn sind. Weil wir gleichberechtigt sind. Kinder Gottes, keine Puppen.
Warum es Leid gibt? Warum Naturkatastrophen Menschen um Habe und Leben bringen? Warum Menschen an Krankheiten sterben oder Kinder im Mutterleib? Ich weiss es nicht. Gott hat die Welt, die Natur und ihre Gesetze geschaffen. Und die Welt funktioniert nach diesen Gesetzen. Diese Gesetze geben uns Leben, Nahrung, die Freiheit zu sein. Aber sie nehmen auch. Bringen Schmerzen und Tod. Hier auf dieser Erde gehoert beides zusammen.
Tod, Unglueck und Katastrophen sind weder Gottes Werk noch sein Wille. Sie geschehen. Geschehen, weil wir einen freien Willen haben oder weil die Natur innerhalb ihrer Gesetze funktioniert. Diese Dinge geschehen und wir muessen mit und in ihnen leben. Aber wir sind nicht allein. Gott stoppt das Unglueck nicht, aber er ist bei uns. Weint mit uns fuer uns, leidet mit uns, und richtet uns wieder auf.
Ich haette lieber eine andere Vergangenheit, als ich sie habe. Ich saehe unsere Kinder lieber lebend, als nur als Erinnerungen in meinem Herzen. Gott macht das Unglueck nicht, aber er hilft uns, alles, was in unserem Leben geschieht zu nutzen.
Ich haette lieber eine andere Vergangenheit, aber all die Dingem die ich aufgrund der Vergangenheit gelernt habe, moechte ich nicht verlieren.
Die Natur denkt sich etwas... Bitte nicht! Denn dann waeren Tod, Unglueck und Leid gewollt. Waeren Teil des natuerlichen oder goettlichen Planes.
Lieber glaube ich an einen Gott der Liebe. Nicht an einen Gott, der mich leiden laesst, sondern an einen Gott, der mit mir leidet. In Liebe. Und das jeden Tag.
Naechste Woche Mittwoch beginnt meine Adult Survivor Group. Ich freue mich darauf - und moechte auf keinen Fall hingehen. Ich weiss, dass endlich das Schweigen brechen gut ist, aber ich habe auch Angst davor. Angst es auszusprechen vor Menschen, die ich nicht kenne. Und Angst, dass das, was ich sage, andere verletzen koennte. Ich habe die Hoelle gesehen und ueberlebt. Ich moechte nicht auch noch andere damit hineinziehen. Derjenige, dem ich wirklich viele der Details erzaehlt habe, hat geweint. Und dass, obwohl er eine Ausbildung in Beratung und Therapie hat. Ich glaube, es ist mein groesster Albtraum ist, dass ich vom Erzaehlen aufsehe, und zwoelf Erwachsene sitzen im Kreis und starren mich entsetzt und halbweinend an. Ich will nicht gehen. Will doch. Bloedes Gefuehl.
Sie hatte einfach nur einen Eintrag gebloggt. Aber was dann passierte...
Was ich ja nun wirklich gern lese:
"ps durch die freundschaft mit einem arzt bin ich bestens informiert über opfer sexueller gewalt und die schwierigkeiten die diese personen haben danach im normalen leben.also nicht bloss so daher gelabbert damit das glasklar ist" (gepostet von bibberle bei Frau...aeh...Mutti)
Ei, bestens informiert ist er?!? Und unsere Schwierigkeiten im normalen Leben kennt er auch. Zum Beispiel solche Menschen wie ihn, die immer alles besser wissen?!? Waehrend wir Ueberlebenden meist gar nicht so genau wissen, wie es uns denn nun geht, weiss er das alles ganz genau. Schoen, dann hat doch wenigstens einer Durchblick.
Hingewiesen darauf, dass sein Wissen vielleicht auf etwas wackeligen Beinen steht, kam die Antwort:
"wenn die leute bestens informiert wären und mutig darüber sprechen würden in aller öffentlichkeit würde es weniger solche straftäter geben"
Wir reden ja. Wir schreien geradezu. Leider hoert keiner zu. Man sieht lieber weg. Und dreht den iPod lieber ein wenig lauter. Wir sollen mutig darueber reden?!? Wir haben mutig ueberlebt! Und die so viel zitierten Leute sind aufs Beste informiert. Jeder weiss, dass es "sowas" gibt. Aber doch bitte bei den anderen. Drueben, bei den Amis vielleicht. Oder im Schmuddelstadtteil in Hamburg oder...oder...oder...
Sorry, Herr Bibberle. Aber Sie haben keine Ahnung. Ein nettes Gespraech mit einem Arzt reicht noch nicht, um perfekt zu werden. Aber wenn Sie uns (und der jungen Frau, um die es ja eigentlich ging!) zugehoert haetten, anstatt nur zu glauben, dass Sie zuhoerten, dann haetten Sie eine Menge lernen koennen. Ich kann mich eigentlich nur noch Frau...aeh..Mutti anschliessen und sagen:"nichts bringt mich mehr auf die Palme als Halbwissen und/oder ich-kenn-einen-der-einen-kennt-und-der-hat-gesagt-deshalb-kenne-ich-mich-aus-Geblubber". Danke, schoener haette ich das auch nicht sagen koennen!
Nun hab ich es doch getan, obwohl ich mich ja lange dagegen gewehrt habe: ich habe um einem Platz in der "Survivors of se...ual (wir wollen dem guten Herren Google ja nicht zu viel Freude machen) childhood abuse" gebeten. Nein, ich will da nicht hin. Ich will auch nicht drueber reden. Schon gar nicht im Detail. Aber ich will gesund werden. Und dann muss ich wohl Dinge anfangen, vor denen ich eigentlich lieber davobn laufen wuerde. Vielleicht nehmen sie mich ja gar nicht, freut sich ein kleiner Teil in mir. Aber diesen Teil verwoehnen wir jetzt mal mit Tee, Kluentje und Woelkje und dann wollen wir doch mal sehen, ob ich es nicht doch schaffe, da hinzugehen.
Die eine ist eine international bekannte Kuenstlerin geworden, die andere Schauspielerin mit eigener Serie bei RTL. Da gibt es renomierte Aerztinnen, beruehmte Leherinnen und erfolgreiche Baenker. Wir haben alle gemeinsam Abitur gemacht. Damals 1993. Und ich? Ich habe auf Wunsch meiner Eltern Medizin studiert. Habe es gehasst und irgendwann sogar aufgegeben. (Nein, man kann nicht 45 Stunden die Woche arbeiten, um sich die Uni finanzieren zu koennen und gleichzeitig studieren und ... aber lassen wir das letzte) Ich habe dann, nur um meine Eltern zu befrieden Lehramt studiert. (Nichts gegen Lehrer. Ich habe sogar sehr gern Germanistik studiert. Dank dieser Zeit spreche ich immerhin mein geliebtes Mittelhochdeutsch. Und kann Gotisch und Latein verstehen.) Erst jetzt fange ich an, wirklich das zu machen, was ich machen moechte. Aber der Weg ist noch so weit. Erst B.A. Und da ich nicht vollzeit studieren kann, wird das wohl sechs Jahre dauern. Dann bin ich 38. und dann noch vier Jahre Seminary und ein Jahr Vikariat. Um dann, vielleicht, irgendwo in der Naehe (Fairbanks, Alaska oder so) eine Gemeinde zu finden, die dann eine mittvierziger "Jungpastorin" ertragen darf. Und es nuetzt mir alles gar nichts, dass mir meine Therapeutin, PB und liebe Freunde immer wieder sagen, dass ich gar nicht frueher gekonnt haette. Nach all dem was passiert ist, konnte ich vorher gar nicht mehr machen. Die meisten Ueberlebenden mit einer Geschichte aehnlich der meinen, haben nicht mal Abitur; sie leben auf der Strasse oder gar nicht mehr. All das weiss ich ja auch. Aber es frustriert trotzdem. Und es ist so ungerecht. Weil mir da jemand die Hoelle auf Erden bereitet hat, kann ich nicht so leben, wie andere. An Tagen wie diesen macht mich das wuetend. Manchmal nimmt mir der lange Weg, der noch vor mir liegt den Mut ueberhaupt anzufangen. Aber ich werde nicht aufgeben. Und auch wenn meine Eltern mir noch so sehr verboten haben, jemals Pastorin zu werden (was an dem Beruf nun so schlecht ist, habe ich nie verstanden. Vielleicht war es einfach nur, weil ich das wollte und meine Seele daran hing...), irgendwann werde ich da jeden Sonntag stehen. Mit Talar. Und ich pfeife auf all die Steine, Berge und Schmerzen, die sie mir so in den Weg gelegt haben.
Es war ein schweres Gespraech mit PB, aber auch ein gutes Gespraech. Wie immer habe ich mehr gesagt, als ich vorher geplant habe und auch wie immer habe ich mehr nach Hause genommen, als ich vorher angenommen hatte.
Und jetzt werde ich den Computer ausmachen, mir ein Buch schnappen und lesen. Und wenn ich muede bin, werde ich ohne Angst und Albtraeume einschlafen.
Der Schmerz ist noch da. Die Verzweiflung von gestern Abend; dieses so kurz vor dem Abgrund stehen, ist vorbei.
Danke, liebe Freundin, aber das war es nicht, was ich heute wirklich gebraucht habe. Nein, ich glaube nicht, dass wenn ich Weizen und Milch von meiner Diaet striche, ich keine Fehlgeburten mehr haette. Nein, ich glaube auch nicht, dass Weizen, Milch und dadurch indirekt auch ich, an den Fehlgeburten Schuld sind. Ich habe eine sehr seltene Hormonstoerung, die auch durch Medikamente nicht vollstaendig behoben werden kann. Und nein, nach vier Fehlgeburten werde ich nicht mal eben so probieren, ob Du vielleicht doch Recht hast. Fuer eine fuenfte Fehlgeburt habe ich im Moment naemlich leider keine Kraft.
Koennten wir uns auf etwas einigen: ich mische mich auch weiterhin nicht in die Erziehung Deines Sohnes ein (obwohl..., aber lassen wir das...) und Du versuchst bitte nicht, meine Probleme fuer mich zu loesen? Merci ma chere!
Laehmende Angst, Schreie irgendwo tief in einem drin, nicht mehr weiter wissen, Dinge nur deshalb tun oder nicht tun, weil man Familie hat die man liebt, sich fuehlen, als wuerde man ertrinken, weder Vergangenheit noch Zukunft sehen koennen, sondern nur den Schmerz, der jetzt da ist weinen wollen und nicht koennen versuchen, das Ganze zu ertragen und sich nicht in Essen, Hungern oder selbstverursachte Schmerzen zu fliehen versuchen, nicht dem Drang erliegen, einfach der dunkeln Seite nachzugeben.
Mein Verstand weiss, dass ich niemandem die Macht zu geben brauche, mich verletzen zu koennen. Meine Gefuehle sind kurz vorm Zusammenbrechen.