So oder so aehnlich sprang mir die Schlagzeile der Zeit gestern ins Auge, als ich die letzte Ausgabe aus dem Briefkasten holte. Flaggen, immer wieder Flaggen. Bei ihr gab es ja auch schon eine lange Diskussion ueber Flaggen, Landesstolz und Nationalismus. Mein groesstes Problem ist immer das 'wir'. Wir haben gewonnen. Wir haben es geschafft... Als Auswanderer auf der einen Seite und Einwanderer auf der anderen frage ich mich immer, zu welchem wir ich denn nun gehoere. Habe ich noch Platz im "Deutschland-Wir", obwohl ich seit drei Jahren nicht mehr in jenem Land war und seit fuenf Jahren dort nicht mehr lebe? Gehoere ich zum "Amerika-wir"; obwohl ich keinen amerikanischen Pass habe, sondern nur die green card? Oder ist 'wir' "meine" Uni. Mit der 'wir' dann im Football gegen Brown verlieren und im Eishockey gegen Havard gewinnen? Wir? Nun ich stehe weder auf dem Fussballfeld noch auf dem Eis. Und gemeinsam habe ich mit den deutschen Spielern gerade mal den Pass. Wir haben's geschafft? Was denn? Diese 11, 22 oder was weiss ich wieviele Leutchen werden dafuer bezahlt, dass sie Fussball spielen. So wie ich fuer meinen Job in Deutschland bezahlt wurde. (Wenn auch leider nicht annaehernd so gut. Aber das ist eine andere Geschichte. Sozialarbeiter im Obdachlosen-und Dropgenmilieu werden nicht gesponsort...) Oder hat 'wir' etwas mit kultureller Zugehoerigkeit zu tun? Aber auch dann habe ich so meine Probleme. Wohin gehoere ich dann? Meine Vorfahren waren juedische Sinti. Ein Teil konvertierte waehrend des Dritten Reiches, wurde evangelisch und heiratete einen SS-Offizier (der natuerlich nur in der Partei war, weil er einen Job brauchte -Pfui!!). Der andere Teil ueberlebte nicht. Und nun bin ich hier. Newsweek machte vor ein paar Wochen mit der Aussage auf, dass 'wir' ihn (Al-Zarqawi) bekommen haetten und platt gemacht haetten. WIR?!? 'Wir' haetten einen jener Maenner erledigt, die unendlich viel Blut an ihren Haenden hatten. Ohne Frage, Al-Zarqawi war ein Terrorist. Aber ich kenne noch andere, die auch viel Blut an ihren Haenden haben. Sitzen sogar in der Regierung. Aber das sind wohl die 'Guten' und deshalb 'duerfen' die das wohl?!? Ich habe nichts gegen 'wir' im Fussball oder 'wir' in der Kultur. Ich sehe bloss mit Sorge, dass 'wir' auch immer ein 'ihr' erzeugt. Und wie gehen wir mit dem 'ihr' dann um? Gibt es ein Nebeneinander, Miteinander oder Gegeneinander? 'Wir' sollte fliessend sein. Das Land in dem ich lebe, ist wahrlich kein Paradies. Trotzdem habe ich mich hier immer so gefuehlt, als ob ich auch zum 'wir' gehoere. Ohne amerikanischen Pass, aber mit Akzent. 'Wir', die Uni ist einfach. Wer hier lebt, ist fast immer auch Teil dieser Uni. Aber auch 'wir', die Amerikaner. Am 4. Juli gehoere ich genauso dazu, wie unser Sohn, der ja nun tatsaechlich Amerikaner ist. Ich habe nichts gegen Nationalfreude, Flaggen oder 'wir'-Gefuehle. Aber ich habe etwas gegen Ausgrenzung, Einigelung und Gewalt. Wenn das 'wir' mehr Tueren verschliesst, als es oeffnet, dann ist es am falschen Platz. Ob das geht: ein 'wir' ohne 'ihr'? Wenn ja, dann haben wir alle gerade ein Stueckchen Frieden in die Welt gebracht!
Oh, heute spielt die deutsche Nationalmannschaft im Achtelfinale gegen Schweden? Hmm, davon bekommt man hier nichts mit. Es wurde eh schon herzlich wenig ueber den Worldcup berichtet. Aber nun, seitdem Ghana (war es Ghana?) die USA aus dem Rennen gekickt hat, herrscht Schweigen im Walde. Nicht, dass es mich wirklich stoerte. Man lebt hier eh immer wie auf einer Insel. Nachrichten dringen nur sehr langsam zu uns. Ohne BBC und Tagesthemen per internet waeren wir wohl verloren. Oder auch nicht. Man gewoehnt sich fast an das Nicht-Informiert-Sein. Manchmal, wenn wir draussen wieder 36*C und 97% Luftfeuchtigkeit haben, fragt man sich schon, wie wichtig es ist, zu wissen, was in A, B oder C passiert ist. Aber lange haelt diese Geisteshaltung zum Glueck nie an. So amerikanisch sind wir dann doch (noch?) nicht!
"Drueben" haben wir ihn ja immer mit Lagerfeuer, Grillen und Zelten gefeiert; den laengsten Tag im Jahr. Zwar nicht so lang wie bei ihr , aber immernoch lang genug. Hier sind wir ungefaehr so weit suedlich wie Rom. Da ist also nichts mit hellen Abenden. Um 20.45h ist es stockdunkel. Und vor 6.30h auch nicht wirklich hell. Wir leben nun auch noch im Tal. Da braucht die Sonne morgens laenger, um ueber die Gipfel zu gucken. Und abends ist sie eher weg. Da sehen wir nur noch die Baeume oben im Sonnenschein liegen, waehrend es bei uns schon daemmrig wird. Kaisa erzaehlte mir gestern, dass sie gemeinsam mit Yrjoe, Karolina, Rebecca und Johannes in der Naehe von Boston feiern wird. Dort gaebe es einen See mit Sauna, eine Feuerstelle und wohl auch eine Huette zum Uebernachten. Nur leider wird's in Boston auch nicht viel spaeter dunkel als hier. In meinen Gedanken sind Sommernaechte drueben immer lau, hell und uebersaet mit Sternen, die man aber kaum sieht, weil es so hell ist. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich solche Naechte zwar erlebt, aber auch die Naechte, in denen ich mit heisser Schokolade in der Jurte gesessen habe und ich mich nicht mal getraut habe, meine Gitarre aus dem Koffer zu nehmen, weil es so sehr regnete. Aber jene Naechte vermisse ich natuerlich nicht. Oder doch, weil heisse Schokolade in einer Jurte halt unheimlich gut schmeckt. Ob mich die girl scouts wohl nehmen?
Hier ist ja alles anders. Schon immer, so-zu-sagen... Und so natuerlich auch die Einheiten und Gewichte. Milch, Benzin und Orangensaft kauft man gallonenweise. Eine Gallone hat praktische 3,78 Liter. Das ist ganz einfach zu behalten. Und man hat ein irre gutes Gefuehl fuer 3,78l... Erdbeeren kauft man in pints (es sei denn man pflueckt sie selbst, dann kauft man sie in Pfund). Pints unterscheiden sich nach Trocken - oder Fluessigkeitsmenge. Ein Trockenpint ist naemlich etwas Anders als ein Fluessigpint. Voellig logisch, oder?!? Und natuerlich unterscheidet sich das amerikanische pint vom englischen pint. Wir sind ja schliesslich keine Kolonie mehr. Sind unabhaengig vom alten Koenigreich. Ein Pfund sind 456g. Und dieses Pfund wird lb abgekuerzt. Schade, dass in pound kein l oder b drin vorkommt. Macht ja aber nichts. Man ist ja lernfaehig. Aepfel wiederum kauft man in bushels. Ein bushel ist etwa so viel, wie vier grosse Tupperruehrschuesseln. Und in sowas wird's auch abgemessen. Ansonsten messen wir in Tassen, Tee - und Essloeffeln, in Inchen, halben Inchen und Viertelinchen. Wir haben keine Kilometer sondern Meilen. Und Stoffe werden in yard gemessen. Nur beim Geld geht es metrisch zu. 100 cent sind ein Dollar. Wenigstens etwas, dass ich mir merken (wenn auch leider nie behalten) kann...
So, nun habe ich sie also beantragt: die vielbesprochene Social Security Number. Ohne die Sozialversicherungsnummer geht hier naemlich gar nichts. Aber nur wer arbeiten darf, bekommt auch so eine Nummer. In fuenf Tagen soll sie in meinen Briefkasten sein. Danach kann ich machen, was ich will. (Solange es legal ist, natuerlich nur...)
Ich darf:
* Arbeiten * Studieren * Reisen (endlich wieder!!!) * darf eine Waffe besitzen und tragen (toll, alsob ich DAS wollte) * darf mich bei der Army verpflichten (Nein danke, ich lebe eigentlich recht gern...) * ich darf den Buergermeister und den Landtag waehlen (leider nicht den Presidenten. Aber DEN haette ich eh nicht gewaehlt.) * ich darf nach fuenf Jahren die Amerikanische Staatsbuergerschaft beantragen (was ich auch vor habe)
Meine Guete, was fuer eine Freiheit. Endlich ohne Visum!!!
Heute ist er, der Tag auf den schon alle ganz lange gewartet haben: der nationale Schokoladeneis-Tag! Hurra! Wie wunderschoen! Das sollten wir feiern. Vielleicht mit Mango-Sorbet; das mag ich naemlich viel lieber als Schokoeis.
Eines frage ich mich nun ja doch. Wer legt diese wundervollen Tage fest?!? Und ausserdem: mit wieviel Verstand war derjenige versehen?
Aber was geht es mich an? Hauptsache Eis.
Jetzt wird mir natuerlich auch klar, warum der kleine Mann heute morgen schon vor dem Aufstehen wach wurde und nach Eis verlangte. Als guter Amerikaner kennt er seine Feiertage und feiert mit. In diesem Sinne, guten Appetit!
Heute war sie in der Post: die lang erwartete green card. Ich bin immernoch ganz sprachlos und freue mich riesig! Jetzt sind wir also keine legal aliens mehr, sondern permanent residents! Hurray! Schliesslich, wer ist schon gern ein "Ausserirdischer"...
Habe mich heute richtig gefreut, mal wieder von unserem lieben Freund E. zu hoeren. Nun sind wir ja schon fuenf Jahre weg, aber er schreibt immernoch fleissig e-mails. Meine Guete, fast drei Jahre ist es jetzt her, dass er unseren kleinen Mann getrauft hat. Seitdem war ich gar nicht mehr drueben. Drueben...drueben das ist jetzt fast Ausland. Natuerlich spreche ich noch Deutsch. Ich lese hin und wieder die Zeit und verfolge (manche) Nachricht aus der alten Heimat. Aber Zuhause sind wir hier. Vielleicht hat die Geburt unseres Sohnes dieses Land zu unserer Heimat gemacht. Denn jetzt haben wir hier Familie. Sind eine eigene, wenn auch kleine, Familie. Und nun das Haus, der eigene Garten, die gepflanzten Obstbaeume. All das sagt: wir bleiben hier. Manche in unserer Kirchengemeinde wissen gar nicht, dass ich keinen amerikanischen Pass habe. Wir gehoeren dazu. Trotzdem machen mir die Entwicklungen hier Sorge. All das Gerede um illegale (und legale) Einwanderer. Nein, wir sind nicht illegal. Wir haben ein Visum, warten auf die greencard. Aber immer haeufiger werden legale und illegale in einen Topf geworfen. Und illegale, was heisst das denn bitte? Einen Pass haben sie nicht. Ein Visum auch nicht. Aber einen Arbeitsplatz hier in California, in Texas oder Arizona. Ohne die "Illegalen" geht's naemlich nicht. Oder wer pflueckt unsere Pilze? Unsere Himbeeren? Sortiert unseren Muell? Arbeitet im Klaerwerk? Putzt in den Hochhaeusern? Als 9/11 das World Tarde Center brannnte, traf es die Menschen ohne Visum am haertesten. Denn deren Hinterbliebenen konnten keine Entschaedigung beantragen. Dabei wussten alle, dass eine grosse Reihe von Visumslosen in den Twintowern gearbeitet hat. Als Pfoertner, als Kloputzer, in den Kantinen, als Boersenmakler... Aber wir reden nicht drueber. Wir fragen auch nicht, warum das Gemuese hier so billig ist. Oder das Fleisch. Hier ist man nur wuetend auf die "Illegalen". Die seien ja an allem Schuld. Wunderschoen, das hatten wir doch schon mal... Nun soll also ein Zaun gebaut werden. Damit man nicht mehr einwandern kann. Jedenfalls nicht ueber die gruene Grenze. Ja, hatten wir auch schon mal. Vielleicht sollten sich alle Befuerworter schnell noch mal die Geschichte angucken. Und das, was aus den Maeuern geworden ist...
Ich bin ja eigentlich immer froh, wenn unsere Maus wieder ein bisschen mehr Englisch gelernt hat. Schliesslich sollte er, als gebuertiger Amerikaner, die Sprache auch sprechen koennen... Aber das, was er jetzt aufgeschnappt hat, treibt mich in den Wahnsinn!
"Cash back?" fragt er die ganze Zeit. Und hat dabei absolut keine Ahnung, was das eigentlich heisst. Zahlt man hier naemlich mit dem amerikanischen Equvivalent der ec-Karte, kann man sich im Supermarkt an der Kasse Geld rausgeben lassen. Und so fragt mich jeden Montag die Dame bei Aldi an der Kasse: "Cash back?" Und die kleine Frau antwortet ebenfalls jeden Montag:"No, thanks."
Und nun hat's der kleine Mann gelernt. Und traegt den Satz durchs Haus wie andere ein paar Socken. Man moechte hoffen, dass sich auch diese Socken...aeh...Sprueche einstweil ablaufen!
Was haben wir uns am Anfang nicht alles mitbringen lassen von Freunden und Familie?
Backpapier (nein, gab es hier wirklich nicht!) Wick blau Sahnesteif Gelatine Vanillezucker Tempotaschentuecher Schokolade (amerikanische Schokolade ist nicht essbar. Nach-wie-vor!) Und weiss weiss ich nicht noch alles.
Heute lassen wir uns nur noch braunen Kandis mitbringen. Den gibt's hier naemlich wirklich nicht. Statt Backpapier nehme ich wiederverwendbare Silikonauflagen. Sahnesteif brauch ich so gut wie nie. Tortenguss auch nicht! Schokolade aus der Schweiz gibt's neuerdings bei Aldi. Und als die mal Tempos im Angebot hatten, habe ich genug fuer mehrere Jahrzente gekauft.
Wir haben uns wohl einfach eingelebt. Essen heute Vollkornbagels statt Vollkornbroetchen. Trinken stilles Wasser aus dem Wasserhahn statt sprudelndes aus der Flasche (wer hat damals noch unseren Sodasprudler bekommen?).
Mittlerweile sind wir nicht mehr Deutsch trotz der Sprache. Aber wir sind auch keine Amerikaner. Und das liegt wiederum auch nicht an der Sprache. Wir sind die sogenannte "Erste Generation". Halb hier, halb da. Das ist besser, als es klingt. Man kann den Aerger von beiden Seiten zuruecklassen und sich das Beste raussuchen.
Man kommt heutzutage ja nicht wirklich auf der Insel der Traenen an. Genau genommen, wenn man nicht ganz viel Geld hat, kommt man gar nicht per Schiff, sondern per Flugzeug. Und so auch wir. Hamburg-Muenchen, Muenchen-Philadelphia, Philadelphia-Hier. Keine Statue of Liberty. Keiner, der unseren fuer Amerikaner unaussprechlichen Nachnamen eingeenglischt. (vielleicht sollte ich nicht sagen unaussprechlich. Nur das Ergebnis der Aussprache unseres Nachnamens ist fuer uns unaussprechlich oder besser unausstehlich...) Es war wie jedes Mal. Pass zeigen, Visum zeigen, ja wir arbeiten an DER Uni. Freundliches Laecheln. Weitergehen. Alles wie immer. Bloss ohne Rueckflugticket. Genau wie damals, als wir nur fuer sechs Monate kamen, waren wir mit vier Koffern, Rucksaecken und Phototaschen beladen. Anders als damals hat es uns nicht mehr verwundert, dass der Flughafen kleiner ist, als jede normale U-Bahnstation in Hamburg. Oder dass es hier keine Taxen gibt. Wir wurden abgeholt. Von Freunden. Mit Blumen und Kuchen begruesst. Zuhause! Heute ist dieses Land meine Heimat. Nein, ich bin nicht hier geboren. Ich spreche die Sprache mit Akzent. Trotzdem ist dies hier mein Zuhause. Sogar trotz der seltsamen Leute in weiss bemalten Haeusern...