Der letzte Trip in die grosse Stadt hatte es werden sollen. Schnell noch die paar Sachen kaufen, die wir unbedingt mitnehmen wollten. Hinueber in unsere neue Heimat, die USA. Schon fast auf dem Weg ins Auto hoerte ich im Radio, dass ein Flugzeug in einen der Tower geflogen sei. Unfug, dachte ich. Oder war das eines der vielen kleinen Flugzeuge und Hubschrauber, die wir damals hatten rum um Manhatten fliegen sehen? Vorsichtshalber liess ich aber doch das Radio im Auto an und hoerte so 'live' vom zweiten Flugzeug. Solche Nachrichten sind keine guten Beifahrer. Schon gar nicht bei 140km/h auf der Autobahn. Anderen muss es auch so gegangen sein. Wir wurden langsamer. Fuhren rechts ran. Es wurden Handies gezueckt und an Radios gedreht. Ueberall die gleiche Nachricht. Zwei Flugzeuge im WTC. Von brennenden Tuermen wurde da berichtet. Und davon, dass die Leute in den Tuermen bleiben sollen, da sie so die beste Chance aufs Ueberleben haetten. Die grosse Stadt, als ich endlich dort ankam, war still. Eine Millionenstadt still. Die Leute draengten sich an die Fernseher in den Schaufenstern. Die Fernseher in den Mediaetagen wurden belagert. Aber ueberall war es still. Noch nie habe ich eine so grosse Menschenmenge so still gesehen. Keiner wusste, was er sagen sollte. Es gab nichts zu sagen. Angesichts brennender Tuerme, einstuerzender Gebaeude, im Auge von brennenden und sterbenden Menschen gab es nichts, was wir haetten sagen moegen oder koennen. Irgendwann drehte sich mein Begleiter zu mir um und sagte:"Dir ist wohl klar, dass Ihr jetzt nicht mehr dahin ziehen koennt." Er musste es zu laut gesagt haben, denn ploetzlich drehten sich alle zu mir. Fast war es, als ob ich dort in den Tuermen gefangen waere. Man sprach mir Trost zu. Bedraengte mich, nicht auszuwandern. Ich wusste gar nicht, wie ich mich aus dieser Affaere ziehen sollte. Irgendwann fiel mir ein, dass der lange Mann, der ja im Beschleuniger Dienst hatte, bestimmt noch nichts gehoert hatte. Es war der graesslichste Handyanruf, den ich je machen musste. Aber uns war beiden klar, auswandern werden wir trotzdem. Sicherheit gibt es nirgends. In der grossen Stadt ebensowenig, wie in NYC oder dem winzigen Nest, in das wir ziehen wollten. Den Abend verbrachten wir am Radio. Die Bilder konnte ich nicht sehen. Dann fiel mir ein:"Pascal!" Er arbeitet doch im Petagon. War er OK? Eine Stunde haben wir gebraucht, um ueberhaupt eine Verbindung zu bekommen. Dann die erleichternde Nachricht "Ja, alles in Ordnung. Er hat das Flugzeug abstuerzen sehen. Aber er ist OK." Auch alle anderen Freunde waren gesund. Eine hatte morgens verschlafen und den Flieger nach NYC verpasst. Eigentlich haette sie einen Vortrag halten sollen. Im WTC. Oben, dort wo keiner rauskam. Aber sie war zu Hause geblieben. Hatte nicht die naechste Maschine genommen. Wir sind geflogen. Ein paar Wochen spaeter. Mit einem der ersten regulaeren Fluege in die USA. Ich werde sie nie vergessen, die Panzer auf dem Rollfeld. Die Soldaten mit ihren entsicherten Maschinengewehren (sogar bei uns, in diesen Nest von knapp 30.000 Einwohnern!) und das Bodenpersonal, das einen segnete, bevor man in das Flugzeug stieg. Ich werde nie die vielen leeren Sitze auf dem Transatlantikflug vergessen. Wir waren vielleicht 30 Leute im ganzen Flugzeug. Um moeglichst viel Kerosin zu verbrennen flog das Flugzeug langsam. Sehr langsam. Wir brauchten 13.5 Stunden von Muenchen bis Philadelphia. Die Angst, wenn jemand aufstand (um zur Toilette zu gehen). Die Panik, wenn jemand in seiner Hosentasche wuehlte (wahrscheinlich nach seinem Taschentuch). Niemand hat geschlafen. Kaum jemand schloss jemals seine Augen. Wir blickten einander an. Mistrauisch. Aengstlich. Zwei Reihen vor mir betete jemand den Rosenkranz. 13.5 Stunden lang. Die Stewardess erzaehlte mir, dass sie haette fliegen sollen. Damals, vor ein paar Wochen. Aber sie sei krank geworden. Und so sei ihre beste Freundin geflogen. Solche Geschichten hoerte man immer wieder. Endlich hier angekommen, sah alles anders aus. Unsere Freunde holten uns vom Flughafen ab. Taxis gab es keine mehr. Der Parkplatz vor dem Flughafen war gesperrt. Keiner durfte vor dem Gebaeude ueberhaupt parken. Die National Guard war auf dem Rollfeld und in der Flughalle stationiert. Und ueberall Flaggen. Flaggen an den Autos. An den Gebaeuden. Auf der Kleidung der Amerikaner. United we stand, prangte auf jedem staedtischen Linienbus. I am proud to be american, sagte mir jeder zweite Autoaufkleber. Man war entweder fuer die Amerikaner oder man war ein Feind. Man hatte amerikanisch zu sein. Fuer etwas Anderes war kein Platz. Wir bekamen Lob und viele Fragen, weil wir es gewagt hatten hierher zu ziehen. Die Menschen waren offener. Sie sprachen mehr. Eine Nation unter Schock. Erst zwei Jahre, nachdem es passierte, habe ich den Dokumentarfilm gesehen, den die beiden Journalisten gedreht haben. Habe diesen entsetzlichen Ton gehoert, wenn die Koerper aufschlugen. Habe Hilfeschreie gehoert und Menschen brennen und sterben sehen. Wir wissen bis heute nicht, wievile Menschen wirklich gestorben sind. Propaganda, Missmanagement und die nie gezaehlte Zahl der unregistrierten (den sogenannten illegalen) Arbeitern macht es unmoeglich, das jemals zu wissen. Diese Land hat sich veraendert. Heute ist es nicht mehr, wie es 1998/99 war als wir hier fuer ein halbes Jahr lebten. Aber es ist auch nicht mehr so, wie in den Wochen nach dem Anschlag. Wir leben weiter. Fast wie immer. Nur manchmal bleiben wir stehen, sehen alte Bilder vom WTC und schaudern.
Spillies-
/ Website
(11.9.06 20:37)
Niemals werde ich diesen Tag vergessen. Immer wenn ich daran denke, fällt mir die Angst ein, was da noch kommen mag....das Grauen und das Leid... ich glaube, das kann niemand richtig erfassen.
Ich sass bei der Arbeit als mein Mann anrief und sagte, das ein Flugzeug in den WTC geflogen ist und keiner hat es mir geglaubt. Alle haben an einen schlechten Witz gedacht.
Kurz drauf hatte ich Feierabend und wollte meinen Mann von der Arbeit abholen.
Im Gemeinschaftsraum des Altenheimes haben alle vor einem kleinen Fernseher gesessen und wie ich mich dazu gesetzt habe, ist der erste Turm zusammengefallen......
Niemals soll sich so etwas wiederholen....und ich bewundere Euch, dass Ihr wirklich rübergezogen seid!
Liebe Grüße
melanie
Bini
/ Website
(20.9.06 20:07)
Ich hatte bereits Feierabend an diesem Tag, war zu Hause im Schlafzimmer an meinem Rechner. Im Wohnzimmer lief der Fernsehen (als Geräuschkulisse) und irgendwie war es auf einmal anders ... es zog mich vom Rechner, ich hab gechattet, ins Wohnzimmer... die Geräuschkulisse war eine andere als sonst um diese Zeit ... und ich stand fassungslos vor dem TV und schaute mir noch fassungsloser die Bilder an, die da über den Bildschirm flimmerten ... ich hab zu zittern angefangen, hab geweint und war wie alle anderen ebenfalls, geschockt, angesichts dessen, was da vor meinen Augen passiert ist... ich hab den ganzen Tag Nachrichten laufen gehabt, die schrecklichen Bilder gesehen und konnte das gesehene, das Geschehene nicht begreifen ... und mußte am nächsten Tag wieder zur Tagesordnung übergehen die da hieß: arbeiten gehen ...
Der sonst recht lebhafte Betrieb auf dem Obst- und Gemüsegroßmarkt war leise, verhalten und es gab nur ein Thema: das Geschehen vom gestrigen Tag ...
Es ist ein Tag wie kein anderer, der sich mir mit ziemlich vielen Einzelheiten in meine Erinnungen eingebrannt hat. Ein Tag, wie wir ihn alle hoffentlich niemals wieder erleben müssen
Ein Tag, an dem die Welt still gestanden ist
Ein Tag, an dem sich alles verändert hat