Tagelang klingelt es nie, das gute alte Telefon. Und ich fuehle mich wie Norbert Brommer im bewegten Mann: Kein Schwein ruft mich an.... Aber wenn DAS alles ist, was mir mein Telefon bringt, dann kann ich prima drauf verzichten. Gerade hatte ich den Hoerer auflegt. Ein liebes Gespraech mit meinen Schwiegereltern, die viel mehr meine Eltern sind, als es meine biologischen Eltern je sein koennten. Na, jedenfalls hatte ich gerade erzaehlt, dass ich seit einiger Zeit keine boesen Anrufe oder e-mails mehr von drueben (sprich meinen biologischen Eltern) bekommen haette. Aber kaum hatte ich aufgelegt, klingelt's erneut. Und wie immer geht erst einmal der Anrufbeantworter ran. Gut so, denn dieses Mal war es meine Mutter. Schlurzend, weinend, enttaeuscht, dass obwohl ich gerade noch telefoniert haette, ich nun nicht ans Telefon ginge. Ich sei hartherzig. Sie sei krank vor Kummer und verstuende nicht, warum sie das alles verdient habe. (Wollen wir mal ueber die Mittwochabende sprechen, an denen Du mich mit ihm alleine gelassen hast, liebe Mama?!?) Ich solle sie sofort anrufen. Und wenn ich schon nicht mit ihr spraeche, dann doch bitte der kleine Mann. Er sei doch ihr Enkel. IHR Enkel! Und ich entzoege ihn ihnen. Alles, alles wollen sie tun, um wieder mit uns ins Reine zu kommen. (Was denn, mich hartherzig nennen? Oder mich eine Luegerin schimpfen, und sagen ich haette mir all das nur ausgedacht. Und wenn und falls und ob sowas passiert ist, waere doch eh egal. Passiert ist passiert...) Ich wuerde so tun, als waeren sie schon tot. Ich wuerde sie wohl nicht mehr lieben. Wie oft soll ich es denn noch sagen? Ja, das Vergangene ist vergangen! Aber ich moechte darueber reden. Moechte es nicht mehr unter den Tisch kehren. Und fuer mein Heute moechte ich Frieden. Aber all die Vorwuerfe, die Quaelereien am Telefon und per e-mail sind nicht Frieden. Das ist ein Teil Eurer Hoelle. Und in der Hoelle moechte ich nicht mehr leben! Und solange Ihr mich nur verletzen koennt, wenn Ihr Kontakt mit mir habt, solange haben wir keinen Kontakt. Solange der Muell von gestern nicht weggeraeumt ist, decken wir kein rosa-rotes Maentelchen des Schweigens ueber alles! Ich moechte Kontakt. Aber wenn Kontakt mehr weh tut, als kein Kontakt, dann habe ich keinen Kontakt. An Tagen wie diesen moechte ich sie anbruellen. Moechte ihnen sagen, dass sie endlich ein-fuer-alle Mal aus meinem Leben verschwinden moegen. Weil ich auch keine Lust auf all die Schmerzen und all die Erinnerungen mehr habe. Aber ich werde die Tuer offen halten. Jeden Tag. Doch ueber die Schwelle tragen werde ich nicht. Und natuerlich kommt auch immer wieder die gleiche Forderung: Du bist Christ, Du musst vergeben. Aber erstens, solange Ihr sagt, es ist nichts passiert, Ihr habt keine Fehler gemacht, kann ich ja auch nichts vergeben. Und wie ist das denn mit der Vergebung in der Kirche? Erst benennen wir unsere Schuld, dann bitten wir um Vergebung, dann wird sie uns gegeben. Vergebung ohne Beichte ist ein bisschen billig! Vergebung ist kein Freibrief, all das zu tun, was ich will. Ohne Ruecksicht auf andere, weil mir ja vergeben ist und andere mir ja vergeben muessen. Ich glaube nicht, dass das so funktioniert. Mir ist schlecht. Aber ich werde jetzt weder essen noch hungern, sondern ich werde mir jetzt ein ruhiges Fleckchen suchen und werde Zeit damit verbringen, meine Gefuehle zu erkennen und zuzulassen. Und danach werde ich mit der kleinen Maus raus in den Regen gehen und in den Pfuetzen planschen. Mein inneres kleines Kind scheint etwas Spass zu brauchen.
Seepferdchen
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(28.7.06 10:41)
Deine Zeilen erinnern mich sehr an die Probleme mit meiner Mutter. Immer nur gab es Vorwürfe und Beschimpfungen, die mehr wie heftig waren.
Ich habe dann gelernt am Telefon zu sagen, daß ich auf der Basis von Beschimpfungen kein Gespräch mit ihr führe und den Hörer auflege. Dies habe ich einige Male gemacht. Heute - einige Jahre später ist das Verhältnis wieder in Ordnung. Zwar verstehe ich mich mit meiner Schwiegermama nach wie vor besser, aber es ist eben Ruhe eingekeht.
Drum denke ich, daß es wichtig ist, daß Du Grenzen setzt und Dich davor distanzierst. Du mußt es aussprechen, damit Du es nicht reinfrißt.
Fühl Dich einfach mal in den Arm genommen
Gudrun